Ein Bekannter von mir hat mal gesagt, dass er seine Katze niemals aus dem Haus gehen lassen wird, weil ihr sonst etwas zustoßen könnte. Ich habe ihn fassungslos angesehen und erwidert: „Wenn ich eine Katze wäre, würde ich lieber bei einem Abenteuer sterben, als in einer Wohnung eingesperrt zu sein.“
Ich bin ein Freigeist und vermeide kein Abenteuer. Mich jederzeit frei bewegen zu können, ist das wichtigste in meinem Leben. Doch viele Menschen sehen das anders. Sie bevorzugen die Sicherheit und zahlen dafür jeden Preis. Und das ist ihr gutes Recht! Das Leben ist so wertvoll und zerbrechlich. Wer würde etwas so fragiles nicht gerne in Sicherheit verwahren, statt es vor lauter Lebensfreude einer möglichen Gefahr auszusetzen?
Wir wagen es. Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um Gefahren auszuschließen, und doch wagen wir es, dem wertvollsten was ein Mensch hat, den größtmöglichen Raum zur freien Entfaltung zu geben. Denn das Leben mit all seinen Facetten zu feiern, ist unsere Maxime.
Ein tragisches Ereignis, das unsere Philosophie auf die Probe stellt
Am 29. Dezember 2019 gab es einen Unfall, der unsere Sichtweise auf eine harte Probe gestellt hat, denn trotz aller persönlicher Freiheit, sehen wir uns in der Verantwortung, wenn es um unsere Schutzbefohlenen geht. Deshalb möchten wir hier kurz schildern, was geschehen ist und es damit auch ein Stück weit verarbeiten.
Wir kamen von einem wundervollen Ausflug mit einer Gruppe zurück. Wir waren bei schönem Wetter spazieren gegangen und alle hatten das Ganze so genossen, dass sie voller Freude durcheinander wuselten, um ihre Jacken auszuziehen und sich ihre Eindrücke zu schildern. Einige von ihnen benötigten Hilfe beim Toilettengang.
Nachdem sich die Aufregung etwas gelegt hatte, ein Teil der Gäste sich zurück gezogen und die anderen in unserem Gemeinschaftsraum versammelt hatten, fiel uns plötzlich auf, dass eine Dame scheinbar fehlte. Wir machten uns auf die Suche nach ihr, prüften jeden Winkel des Hauses. Da sie alters- und krankheitsbedingt stark gehbehindert war und ihr Rollator im Haus stand, konnte sie einfach nicht weit sein. Sie liebte es, sich zu verstecken und narrte uns oft mit ihrer verschmitzten Art. Wir suchten sie wie üblich hinter Sofas und Gardinen, im Garten und in fremden Betten, prüften ihre Dusche, in der sie sich liebend gerne über lange Zeiträume vom Wasser berieseln ließ und wurden mit jeder Minute, in der wir sie nicht finden konnten, unruhiger.
Nach einiger Zeit der intensiven Suche, riefen wir die Polizei und informierten die Angehörigen der Dame. Parallel suchten wir weiter, riefen verzweifelt nach ihr und hofften inständig, dass ihr nichts zugestoßen war. Gleichzeitig machten wir uns als Aufsichtspersonen schlimme Vorwürfe. Hätten wir es merken müssen, dass sie entschlüpft? Hätten wir wissen müssen, wo sie hingegangen ist? Haben wir auch wirklich überall nachgeschaut…?
Die Polizei setzte Suchhunde ein, doch die Tiere konnten ihre Spur lediglich ein Stück weit verfolgen. Die Feuerwehr schickte Einsatzkräfte und ein Helikopter wurde angefordert. Bis spät in die Nacht suchte eine große Zahl an Helfern nach unserer Mitbewohnerin. Schließlich schwand die Hoffnung, sie noch unversehrt zu finden, weil die Außentemperatur inzwischen auf Null Grad gesunken war.
Sie war ins Wasser gegangen
Dann, gegen 2:00 Uhr morgens, wurde sie gefunden. Ihr Körper lag in der Düte – einem kleinen, wasserführenden Bach, der sich unweit unseres Hauses durch den Ort schlängelte. Sie hatte ihre Jacke ausgezogen und sich ins Wasser begeben – in das Element, welches sie so sehr liebte. Wegen ihrer ausgeprägten Gehbehinderung war sie wahrscheinlich an der Böschung des Baches abgerutscht und mit dem Kopf unter Wasser geraten.
Es war einer der traurigste Moment unseres Berufslebens. Wir konnten schlichtweg nicht begreifen, was geschehen war. Der traumhaft schöne Tag hatte sich in einen Alptraum verwandelt. Jemand aus unserer Mitte hatte sein Leben verloren.
Angesichts dieses erschütternden Ereignisses wurden viele Gespräche geführt und Vorsorgemaßnahmen überprüft. Sollten wir unsere Gäste mehr kontrollieren? Sollten wir das Haus verschließen? Oder würden wir auf den Einsatz von sedierenden Medikamenten nicht länger verzichten können? Wir alle waren uns einig, dass wir so ein furchtbares Ereignis verhindern wollen, doch würden die meisten Maßnahmen zum Schutz unserer Gäste auch ihre im Grundgesetz verankerte Freiheit ↗︎ einschränken. Und so haben wir beschlossen, nur ein Zugeständnis zu machen: für jeden Gast mit Hinlauftendenz schaffen wir einen GPS-Sender an, den er/sie am Handgelenk tragen kann. In Absprache mit den Angehörigen und Fachleuten, erscheint uns der Einsatz von Technik zur Ortung der uns anvertrauten Menschen am wenigsten freiheitsberaubend. Letztlich ist es ja sogar ein seltsames Symptom unserer technikverliebten Gesellschaft, sich freiwillig auf Schritt und Tritt von Anwendungen auf Smartphones und Fitnesstrackern überwachen zu lassen.
Ein Zugeständnis an die Sicherheit
Vielleicht wird uns der Einsatz eines kleinen Senders in Zukunft vor ähnlichen Ereignissen bewahren, vielleicht offenbart sich ein anderer Schwachpunkt in unserer der Lebensfreude zugewandten, freiheitsbasierten Arbeitsweise. Wir sind uns als Menschen, Pflegekräfte und als Unternehmer im klaren darüber, dass sich Zufälle und Unglücke nicht gänzlich ausschließen lassen. Sie gehören zum Leben dazu. Wir haben unsere Aufsichtspflicht nicht verletzt und nicht fahrlässig gehandelt und fühlen uns dennoch schuldig.
Aber wir haben unsere Philosophie überprüft und werden sie nicht ändern. Die Erfolge, die wir mit unserem mäeutischen Pflegekonzept erzielen, geben uns Recht, denn die Menschen, die zu uns kommen, blühen auf. Sie sind dankbar dafür, dass sie weder sediert noch gefesselt, noch eingeschlossen werden, wie es in vielen großen Pflegeeinrichtungen oder auch bei häuslicher Pflege machmal geschieht. Die Angehörigen erleben diesen Wandel im Wesen der demenziell Erkrankten und unterstützen unsere Philosophie auch weiterhin.
Zwei Tage nach dem tragischen Unglück war Sylvester und die Menschen in unserem Haus wollten feiern. Sie wollten das Leben feiern, wie es ist. Mit all seinen Facetten.
Wir werden unsere liebe Mitbewohnerin nicht vergessen. Unser Mitgefühl gehört ihren Hinterbliebenen.
Agnes Schnitger und das Team VivoMea
Text: Thekla Leinemann