Durch die Corona-Pandemie müssen wir Menschen mit einer Bedrohungslage umgehen, auf die wir nicht vorbereitet wurden. Deshalb sollten wir zusammenhalten und uns gegenseitig unterstützen. Doch leider treibt die Situation viele Menschen in eine Art Angststarre, in der sie nicht mehr fähig sind evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen. Wir bei VivoMea wurden deshalb gleich in verschiedener Hinsicht zu Opfern der Umstände.
Die Angst vor dem Infektionsfall
Infektionen innerhalb von Lebensgemeinschaften haben den Effekt, dass sie sich in kürzester Zeit ausbreiten. Bevor man überhaupt weiß, dass jemand infiziert ist, haben sich die anderen Mitglieder der Familie oder der Wohngemeinschaft oft schon angesteckt. Weil wir die Geschichten aus anderen Pflegeeinrichtungen kannten, haben wir alle nötigen Vorsichtsmaßnahmen getroffen; trotzdem plagten mich Tag und Nacht Gedanken darüber, was ein Infektionsgeschehen für uns bedeuten würde.
Können wir im Ernstfall die Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner sicherstellen? Werde ich mir selbst die Schuld an dem Ereignis geben? Finden wir uns in der Presse wieder? Auf wenn kann ich mich verlassen und wer wendet sich von mir ab? Als die gefürchtete Situation eintrat, wurden einige meiner Befürchtungen übertroffen, doch es gibt auch positives zu berichten.
Positiv getestet und allein gelassen
Anfang Februar 2022 zeigten viele Bewohnerinnen und Bewohner sowie einige unserer Tagesgäste plötzlich Symptome eines grippalen Infektes. Sie waren verschnupft und leicht geschwächt, doch alle Corona-Schnelltests zeigten negative Ergebnisse. Innerhalb einer Woche entwickelten dann auch unsere Teammitglieder die ersten Erkältungssymptome und im selben Zeitraum wurden erst die erkrankten Bewohner und schließlich diverse verschnupfte Mitarbeiterinnen positiv auf Corona getestet. Infolgedessen kam es zu immer mehr krankheitsbedingten Arbeitsausfällen im Team, die schon bald nicht mehr kompensiert werden konnten, weil so ziemlich alle mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatten.
Mit laufender Nase zu arbeiten, stellt an sich schon eine Herausforderung dar, doch unter dem Corona-bedingt getragenen Mundschutz gestaltete sich die Situation geradezu absurd schwierig. Durch ihre Krankheitssymptome hatten unsere Bewohnerinnen und Bewohner einen erhöhten Hilfebedarf und weil unsere Reinigungsfirma plötzlich kein Personal mehr in unser Haus schicken wollte, mussten wir zusätzlich auch noch Putzarbeiten übernehmen.
Schließlich gerieten wir verbliebenen Pflegekräfte so sehr an unsere Grenzen, dass ich mich dazu entschloss, das Gesundheitsamt und die Heimaufsicht um Unterstützung zu bitten. Was sich im Nachhinein nicht als die beste Lösung entpuppte.
Hilfe auf die bürokratische Art
Mitarbeiterinnen der Heimaufsicht und des Gesundheitsamtes besuchten unser Haus am darauffolgenden Tag, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Ich hatte die große Hoffnung, durch größtmögliche Offenheit die Tür zu schnellen und möglichst unbürokratischen Hilfsmaßnahmen aufgestoßen zu haben, doch stattdessen erntete ich Vorwürfe und Repressalien.
Als erstes wurde ich für meinen Arbeitseinsatz trotz Infektion gerügt. Dass ich angesichts der eh schon ausgeuferten Infektionslage und den zahlreichen Krankschreibungen im Team, kurzfristig keine andere Wahl gesehen hatte, wurde ignoriert. Als nächstes wurde bemängelt, dass wir unseren „kontaminierten“ Abfall nicht fachgerecht entsorgen, allerdings blieb meine Frage nach einer „Coronatonne“ unbeantwortet.
Als erste konkrete Hilfsmaßnahme sollte von Seiten der Heimaufsicht anhand unserer Mitarbeiter-Liste eruiert werden, wer zum Dienst erscheinen müsste, um den Personalengpass zu kompensieren. Der Fokus fiel schnell auf die in Rente gegangenen Kolleginnen und Kollegen, was sich angesichts der pandemischen Lage als nicht sehr hilfreicher Lösungsvorschlag erwies. Denn die nicht infizierten Kräfte wollten unserem Haus so weit wie möglich fern bleiben.
Der nächste Schritt zur Behebung unserer Probleme löste dann sogar echtes Entsetzen in mir aus, denn es wurde von uns verlangt, dass wir alle negativ getesteten Bewohner zwangsweise in ihren Zimmern isolieren – was nicht nur gegen unsere Grundeinstellung bei VivoMea spricht, sondern auch gegen die Menschenrechte. Ich erklärte den Gesandten der Behörden, dass unsere Bewohner keine Isolationshaft gewohnt seien und möglicherweise körperlichen Schaden davon tragen würden, falls sie Befreiungsversuche durch die Fenster ihrer Zimmer unternehmen.
Ich verwies des weiteren darauf, wie schwer die von Demenz betroffenen Menschen plötzliche Veränderungen in ihrem Tagesablauf verarbeiten. Sie empfinden Einschränkungen sehr oft als Freiheitsberaubung – von den psychischen Folgen einer solchen plötzlichen Abspaltung von der Gemeinschaft mal abgesehen. Man verwies jedoch lediglich auf die allgemeine Handhabung des Themas in anderen Pflegeeinrichtungen, wo Demenz-Patienten bei Bedarf mit Medikamenten ruhig gestellt werden. Da wir bei VivoMea keine Bewohner sedieren, verwies auf die gesundheitlichen Probleme, welche eine solche Ad-hoc-Maßnahme mit sich bringen würde, wurde aber scheinbar nicht ernst genommen.
Traumatisierende Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit?
Ich sah mich also mit Zwangsmaßnahmen konfrontiert, die den Schutz der mir anvertrauten, teilweise sehr hilfsbedürftigen Menschen, ad absurdum führten. Meine ganze Erfahrung als Krankenschwester und in der Pflege von Menschen mit Demenz, sollte durch Corona-Schutzmaßnahmen überstimmt werden, die in keiner Weise auf die besondere Situation unserer Bewohnerinnen und Bewohner abgestimmt worden war.
Gegen eine Isolation der nicht positiv getesteten Personen sprach zum Beispiel auch der Umstand, dass es allen Bewohnern unseres Hauses während der Zeit der Infektion relativ gut ging. Bis auf Erkältungssymptome und mehr oder weniger starke Abgeschlagenheit, zeigten sie keine gesundheitlichen Auffälligkeiten, alle hatten guten Appetit und niemand musste das Bett hüten. Meiner Meinung nach wäre abzuwägen, ob die Gesundheit der nicht infizierten Bewohner mehr Schaden erleiden würde, wenn sie das Virus auch bekommen oder wenn sie durch medikamentöse Sedierung und Isolation traumatisiert würden. Ich entschied mich für einen sinnvollen Umgang mit der Situation und hatte den Erfolg auf meiner Seite, denn nach ungefähr einer Woche waren alle Infizierten wieder genesen und der Spuk schien vorbei zu sein.
Doch die Freude darüber währte nicht lang, denn eine so schnelle Genesung der Betroffenen war scheinbar nicht im Standard-Corona-Prozedere der zuständigen Behörden vorgesehen. Es kam zu einer kritischen Überprüfung unserer Dokumentationsunterlagen und trotz unseres Erfolges wurden wir für den Umgang mit der schwierigen Situation gerügt, weil wir nicht alle Vorschriften 1:1 befolgt hatten.
Den Sinn von Maßnahmen abwägen
Nun liegt es mir fern, gut durchdachte Maßnahmen zur Schadenabwendung zu ignorieren oder mich gegen Auflagen zu wehren, welche die Unversehrtheit der Menschen in meinem Unternehmen in irgendeiner Weise aufs Spiel setzen. Doch sehe ich mich angesichts der aktuell geltenden Vorschriften zur Eindämmung der Pandemie zu dieser Stellungnahme geradezu gezwungen, denn die Vorschriften gehen an den Bedürfnissen unserer Bewohner vorbei und gefährden unsere Arbeit. Ich verbürge mich dafür, dass bei VivoMea alles dafür getan wird, den uns anvertrauten Menschen die größtmögliche Lebensqualität zu bieten. Und für mich ist das Recht auf Selbstbestimmung ein unantastbares Grundrecht, solange keine akute Selbstgefährdung besteht.
Wir sind stolz darauf, dass wir unsere Bewohner nicht sedieren. In unserem außergewöhnlichen Pflege- und Betreuungskonzept zählen Wertschätzung, Förderung, Selbstbestimmung und Gemeinschaft. Wir kennen unsere Bewohnerinnen und Bewohner, ihre Geschichte, ihre Bedürfnisse und ihre Ängste. Sollen wir gegen unsere Prinzipien verstoßen, weil es plötzlich Vorschriften gibt, die gar nicht für unsere Situation gemacht wurden? Dürfen wir nicht zum Wohle unserer kleinen Gemeinschaft entscheiden, wie wir es jeden Tag tun, weil auf politischen Ebenen das Unwohl Einzelner als unausweichliches Opfer angesehen wird? Waren wir in der Pflege nicht zu Beginn der Pandemie die Helden der Nation?
Wir haben zu keiner Zeit das Wohl von Menschen gefährdet und unsere Bewohner sind vorschriftsmäßig gegen Corona geimpft worden. Darüber hinaus haben wir alle uns zur Verfügung stehenden Maßnahmen ergriffen, die ein Ansteckungsrisiko minimieren, ohne den sensiblen Mikrokosmos unserer Bewohner zu erschüttern. Wir haben unsere jahrelange Erfahrung in der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz und unsere medizinischen Fachkenntnisse, in alle Entscheidungen einfließen lassen und unserer Meinung nach einen guten Weg durch die schwere Zeit gefunden.
Unsere Entscheidungen wurden von den Angehörigen unserer Bewohner unterstützt und begleitet. Mit Kuchenspenden und aufmunternden Worten haben sie die Moral der tapferen Team-Mitglieder mit aufrecht erhalten.
Unser Hausarzt war rund um die Uhr verfügbar, um die lückenlose medizinische Versorgung und möglichst schnelle Genesung aller an Corona Erkrankten zu gewährleisten und eine weitere Ausbreitung der Infektion zu verhindern.
Mein Rückblick auf die Corona-Situation bei VivoMea
Wir sind also nicht nur glimpflich, sondern gestärkt aus der Situation hervorgegangen. In unserem Alltag ist wieder Ruhe und Normalität eingekehrt. Im Rückspiegel betrachtet zeigte sich, auf wen wir uns verlassen können, auf wen nicht und wer unsere Arbeit sogar torpediert. Mir ist bewusst, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Behörden ihren Vorschriften Folge leisten müssen und dass es mit Sicherheit nicht immer einfach ist, diese auch durchzusetzen, denn nicht alles, was von offizieller Stelle verfasst wurde ist auch nachvollziehbar und alltagstauglich.
Ich bin mir auch bewusst, dass die Botschaft von dem lebensbejahenden mäeutischen Pflegekonzept nach Cora van der Kooij noch nicht in allen Bereichen der Pflege angekommen ist, doch wünsche ich mir von Herzen, dass unsere Beziehung zu den Behörden baldmöglichst wieder mehr zwischenmenschliches Verständnis zulassen kann. Dass im Rahmen der Möglichkeiten, zum Wohle der Pflegebedürftigen und der Pflegenden entschieden wird. Dass Vorschriften auf ihre Anwendbarkeit überprüft werden. Dass Handlungsspielräume genutzt werden und unsere wertvolle Arbeit individueller betrachtet und nicht in ein allgemeines, unpassendes Raster gepresst wird. Dass wieder die Beratung im Vordergrund steht und nicht die Stigmatisierung.
In diesem Kontext möchte ich mich bei allen Menschen zutiefst bedanken, die uns durch diese schwere Zeit begleitet haben – bei Kolleginnen und Kollegen, Angehörigen, sämtlichen helfenden Händen und herzlichen Unterstützern und ganz besonders auch bei unserem Hausarzt Dr. Zuther.
Ihre Agnes Schnitger
Text: Thekla Leinemann