Besser leben mit Demenz, Team VivoMea

Unsere neue Kollegin Esra Yildiz-Güre und das spannende Thema Mäeutik

Esra fällt auf. Sobald man ihr entgegen tritt, spürt man ihre ruhige, offene und freundliche Präsenz. Man hat unmittelbar den Eindruck, mit all seinen Anliegen an der richtigen Adresse zu sein – ganz so, als wäre Esra schon immer ein fester Bestandteil von VivoMea und hätte auf alles die passende Antwort. 

Von der Verwaltung im Rathaus zum mäeutischen Pflege- und Betreuungsmodell – die berufliche Verwandlung einer starken Frau

Bis vor kurzem wusste die gelernte Verwaltungsfachangestellte und Mutter eines dreijährigen Jungen gar nicht, was Mäeutik (das bei VivoMea angewandte Pflege- und Betreuungsmodell nach Cora van der Kooij) überhaupt ist. Doch das Zusammentreffen einer interessierten jungen Frau auf der Suche nach einem geeigneten Praktikumsplatz zur Begleitung ihres Bachelor-Studiums zur Gerontologin und die bahnbrechende mäeutische Arbeit bei VivoMea, führten unerwartet zu einer wertvollen Synergie.

Im April 2021 hatte ich das Vergnügen, mit Esra kurz über ihre ersten Eindrücke von der Arbeit nach dem Mäeutischen Pflege- und Betreuungsmodell zu sprechen. Zu dem Zeitpunkt war sie seit rund vier Monaten ein Team-Mitglied bei VivoMea.

Esra, was hat Sie dazu veranlasst, VivoMea als Ort für Ihr Praxissemester auszuwählen?

Ich habe mich im Internet informiert und bin auf der Website von VivoMea hängen geblieben. Deren ganze Aufmachung stach aus der Masse hervor, weil das Thema „Pflege bei Demenz“ hier so lebensbejahend und fröhlich dargestellt wird. Mich hat interessiert, was dahinter steckt und als ich die Texte über Mäeutik las, wurde mir klar, dass ich das unbedingt kennen lernen muss.

Was hat Sie im Pflege- und Betreuungsalltag bei VivoMea besonders beeindruckt?

Dass dieses bahnbrechende Konzept so alltagstauglich ist und so hervorragend funktioniert! Zu Anfang habe ich mich mit dem mäeutischen Pflege- und Betreuungsmodell schwer getan, weil man eigentlich komplett neu denken lernen muss. Ich lerne mich selbst zu reflektieren und mir meines eigenen Verhaltens bewusst zu sein. 

Statt in kniffligen Situationen mit den Bewohnern ungeduldig oder unsicher zu werden, achte ich mehr und mehr auf die konsequente Anwendung der Lehren aus der Mäeutik. Das war zu Anfang sehr anstrengend für mich, doch ich bin davon überzeugt, dass Wissen in Bewegung gehalten werden muss. Und seit ich immer mehr Erfolge durch das Gelernte erziele, fühle ich mich sicherer und die Abläufe gehen mir leichter von der Hand. Manchmal verspüre ich die pure Freude, wenn ich merke, wie positiv die Bewohnerinnen und Bewohner auf mich reagieren, weil sie sich von mir gesehen und angenommen fühlen. Das trifft natürlich auch auf das Miteinander im Team zu.

Inwiefern hat die Mäeutik Ihrer Meinung nach Vorteile gegenüber anderen Pflegemodellen?

Ich sehe ganz klar die Zeitersparnis und die geringen Reibungsverluste in der Mitarbeiterkommunikation als Vorteil an. Und natürlich die wertschätzende Grundhaltung gegenüber allen Beteiligten. 

Können Sie das näher erläutern?

In der Pflege herrschen genaue Vorgaben und Regeln, die es einzuhalten gibt. Doch letztlich sind wir alle „nur“ Menschen – jeder von uns hat seine eigene Geschichte. Es kann passieren, dass man sich im Umgang mit anderen Menschen überfordert fühlt, weil man aufgrund seiner eigenen Geschichte oder Alltagssituation durch irgend einen Auslöser in einen inneren Konflikt gerät. Im normalen Pflegealltag wird diesen Aspekte oft kein Raum gegeben, um den Betriebsablauf nicht zu stören. Doch das Anerkennen von biografie-bedingtem Verhalten sowie situationsbedingt auftretenden Gefühlen/Emotionen und das Wissen, wie man diesen wertschätzend begegnet, macht den Arbeitsalltag Dank der Mäeutik so viel einfacher. Das nennt man erlebensorientierte Pflege.

Aufgrund der regelmäßig stattfindenden Bewohnerbesprechung weiß jeder im Team über alles den Bewohner betreffende genau Bescheid. Es gibt kaum noch Situationen, in denen man unsicher wird und dadurch falsch reagiert, weil man recht genau einschätzen kann, warum die Person sich jetzt so verhält. Man entwickelt generell ein Gespür dafür, wie man sich Anderen gegenüber besser verständlich macht – und sie auch besser versteht. Das erleichtert den Pflegealltag und auch das Miteinander im Team erheblich. Natürlich wenden fast alle Menschen das schon intuitiv an, doch macht es einen Unterschied, ob man sein bewusstes Handeln jederzeit abrufen und anwenden kann, auch wenn man eigentlich gerade unreflektiert reagieren möchte. Ich merke das zum Beispiel gerade sehr intensiv im Umgang mit meinem dreijährigen Sohn.

Heißt das, dass die Mäeutik in Ihrem Privatleben angekommen ist?

Ja, definitv! Seit ich bemerkt habe, wie viel angenehmer die Kommunikation mit Anderen ist, wenn ich dabei reflektiert bleibe, wende ich die Mäeutik bei meinem Sohn an. In seiner aktuellen Lebensphase probiert er seine Durchsetzungskraft aus und macht es mir manchmal schwer, zu ihm durchzudringen. Doch wenn ich so reflektiert und unmissverständlich mit ihm kommuniziere, wie ich es hier bei VivoMea lerne, geht viel Konfliktpotenzial verloren. Ich empfehle dieses Konzept sogar in meinem Umfeld und wende es immer häufiger an. Die Mäeutik endet nicht mit dem Dienstplan.

Wie wird das Mäeutische Konzept hier bei VivoMea implementiert?

Wir erhalten regelmäßig Fortbildungen und üben natürlich miteinander. Wenn es mal in einer herausfordernden Situation mit einer Bewohnerin oder einem Bewohner nicht klappt, dann unterstützen wir im Team uns gegenseitig mit Hinweisen und vorbildhaftem Verhalten. So wachsen wir gemeinsam an unseren Aufgaben. Die tägliche Anwendung des Gelernten ist sowieso der beste Weg, um die Mäeutik zu verinnerlichen – und je länger man sie anwendet, desto leichter wird es.

Werden Sie das Thema Mäeutik in Ihre Bachelor-Arbeit einbinden?

Ja, ein Stück weit schon. In meiner Universität ist das Thema noch gar nicht angekommen. Da ich aber von dem Konzept so überzeugt bin, liegt mir viel daran das Mäeutische Pflege- und Betreuungsmodell auch in der Hochschule zu vorzustellen und zu verbreiten.

Wie sehen Sie Ihre berufliche Zukunft?

Im Moment konzentriere ich mich auf meine Bachelor-Arbeit und übernehme Administrative Aufgaben bei VivoMea. Das alles ist sehr intensiv – ich lerne täglich neues und das erfüllt mich mit Freude. Auf jeden Fall werde ich noch eine Ausbildung zur Mäeutik-Trainerin absolvieren und dann sehen wir mal weiter.

Mit Esra sprach unsere Autorin Thekla Leinemann